Challenge Roth – wenn Träume wahr werden

Lange habe ich davon geträumt, lange habe ich mich darauf vorbereitet – letzten Sonntag war es soweit: meine erste Langdistanz (Ironman) beim Challenge Roth.

In den letzten eineinhalb Jahren gab es viele Hindernisse: Pandemie, Rennverschiebung und schließlich noch die Radstreckenkürzung, weil am Kränzleinsberg bei Hilpoltstein der komplette Fahrbahnbelag erneuert wird. So kamen es zu folgenden Streckenlängen: 3,8 km Schwimmen im Main-Donau-Kanal, 166,6 km Rad (normal 178 km) aufgeteilt in 2 Runden durch den Landkreis Roth mit über 1400 Höhenmetern und ein abschließender Marathon mit welligem Profil und über 20 km Schotterwege (u.a. am Kanal).

Für meinen Start um 7:15 Uhr wollte ich das Frühstück drei Stunden zuvor abgeschlossen haben. Also klingelte um 3:25 Uhr der Wecker. Es lief alles nach Plan und um viertel vor 4 überraschte mich noch Niklas Ludwig mit einem Anruf, für den er sich extra den Wecker gestellt hat. Um viertel nach 5 fuhr mich dann mein Vater zum Schwimmstart, an dem sich auch die Wechselzone 1 befindet. Dort schallte spannungserregende Musik aus den Lautsprechern. Gepaart mit dem Nebel über dem Kanal kam mystisches Flair auf, sodass ich das erste mal an diesem Tag mit meinem Emotionen ringen musste. Nachdem ich das Rad, was ich am Vortag einchecken musste, nochmal durchgecheckt und die Verpflegung angebracht hatte, begab ich mich noch auf die Suche nach befreundeten Startern. Einige konnte ich noch antreffen und alles Gute wünschen. Danach schaute ich mir den Schwimmausstieg an und stellte fest, dass ich durch den Nebel kaum Bojen erkennen konnte. Ich ging die Wege, die ich später laufen musste, nochmal ab, um sie mir einzuprägen. Während meinem Warm Up saugte ich nochmal die ganze Atmosphäre auf und wartete auf den Start der Profis, die nur wenige Minuten vor mir starteten. Auf einmal ging es dann ganz schnell: meine Startgruppe wurde ins Wasser (19 °C, natürlich mit Neopren) geschickt – mit dabei Erik Meijer der Ex-Profifußballer. Ich sortierte mich rechts in Ufernähe beim Wasserstart ein, sodass ich mich während des Schwimmens daran orientieren konnte. Dann erfolgte der Startschuss. Schnell merkte ich, dass ich Massenstarts gar nicht mehr gewohnt war. Selbstbewusst und robust behauptete ich mich in der s.g. Waschmaschine und fand auch relativ schnell einen guten Wasserschatten (Schwimmer vor mir, in dessen Sog ich mit schwamm). Die erste Wende erfolgte dann nach ca. 1500 m. Es folgte die lange Gerade zum letzten Wendepunkt. Dieses sehr eintönige Schwimmen wurde mir auf einmal langweilig und ich verlor etwas den Fokus, in dem ich über banale Dinge nachdachte. Dadurch wurde ich unbemerkt etwas langsamer und verlor den Wasserschatten. Warum auch immer sah ich nach 61 min Schwimmdauer auf meine Uhr. Schnell bemerkte ich, dass es doch noch etwas weit ist und es schwer wird die angepeilten 70 min zu schaffen. Ich zog nochmal etwas an und kam dann nach 73 min aus dem Wasser.

Raus aus dem Wasser und der Gummipelle

Dann schnappte ich mir meinen Wechselbeutel und rannte ins Wechselzelt. Da es immer noch sehr frisch war (ca. 11°C Außentemperatur), trocknete ich meine Füße ab und zog schon fürs Radfahren Socken an. Eine Helferin nahm mir dann schnell den Beutel ab und ich rannte zu meinem Rad. Irgendwer rief noch meinem Namen (es war wohl Kevin vom Verein), was gleich mal ein paar Watt zu viel auf die Pedale bedeutete. Nach der ersten viertel Stunde mit viel Verkehr war mir klar, dass es so wie immer ist: ich muss mich wie ein Kannibale durchs Feld pflügen. Mein Helmvisier musste ich dann auch erstmal hochklappen, weil es beschlug. Kurz nach Greding, konnte ich in einer Abfahrt ein paar nervige andere Athleten abschütteln und kam dem ersten Verpflegungspunkt immer näher, wo mir meine Mutter die erste Flasche der Eigenverpflegung anreichte. Es fiel mir schon ein kleiner Stein vom Herzen, dass das auf Anhieb so gut funktioniert hat. Die übrigen Kilometer bis zum Ende der ersten Runde vergingen wie im Flug. Nach einem kurzen Blick auf den Radcomputer beschloss ich die zweite Runde etwas mehr zu investieren, um die etwas zu langsame Schwimmzeit zu egalisieren. Das funktioniert auch gut und ich konnte sogar am Anstieg vor Heideck mit ein paar Zuschauern „Don´t stop me now“ von Queen feiern. Dann gab es schon die zweite Flasche von Mama – es lief gut, leider etwas zu gut, wie sich später herausstellen sollte. Kurz nach Thalmässing gab es ein längeres Teilstück mit Flachpassagen. Am Ortsausgang fuhr ein Brite an mir vorbei, der aber nach seinem Überholvorgang nicht weggezogen ist. Es war sogar so, dass ich phasenweise schneller war. Dadurch überholten wir uns gegenseitig mehrmals. Irgendwann als der Brite vor mir war und es leicht bergab ging, nahm ich den Kopf runter, um die Nackenmuskulatur etwas zu schonen. Das war ein fataler Fehler. Ich fuhr dabei unbemerkt (wohl) zu dicht auf und natürlich musste genau in diesem Moment ein Kampfrichter vorbeikommen -zack die erste Zeitstrafe in meiner Triathlonkarriere und das bei meiner ersten Langdistanz. Ich war bedient. Die Worte des Kampfrichters „das kann in der zweiten Runde durchaus passieren“ munterten mich nicht wirklich auf. Zum Glück folgte das nächste „Penalty-zelt“ nur wenige Meter später, sodass ich dies gleich hinter mich bringen konnte. Hinter mir bogen direkt vier weitere Athleten ein. Als ehemaliger Fußballer gewann ich kurz den Eindruck, dass bei dem Wertungsrichter einfach die Karte etwas lockerer saß. Ich denke eine Ermahnung hätte es auch getan, zumal man in Roth doppelt bestraft wird. Neben der fünfminütigen Kaffeepause muss man nämlich auf der Laufstrecke einen Strafkilometer laufen. Dadurch verliert man also nicht nur 5, sondern eher 10-11 Minuten und hat natürlich einen Kilometer mehr in den Beinen. Naja, ich behielt meine Gedanken für mich, sprang über meinen Schatten und bedankte mich noch beim Kampfrichter, dass er da ist. Damit war er sichtlich überfordert – kommt ja selten vor, dass sich ein bestrafter Athlet bedankt. Aber ich war ja selbst mehrere Jahre Fußballschiedsrichter und weiß, wie das ist. Mit viel Wut im Bauch fuhr ich nach absitzen der Strafe wieder los und überholte einige, die ich vorher schon mal überholt hatte. Ich beschloss keinen Zweifel mehr aufkommen zu lassen und investierte bei den Überholmanövern etwas mehr als wahrscheinlich nötig, um diese schneller hinter mich zu bringen. Durch diese Emotion fuhr ich am Kalvarienberg auch eine neue Bestzeit. Danach konnte ich mich aber relativ schnell frei fahren, sodass ich eine Phase erwischte mit mehren Kilometern ganz allein für mich. Das war gut für den Kopf. Ich konnte mich sortieren, etwas erholen und wieder konstant fahren. Dann gab es die dritte und letzte Flasche von Mama. Ich schrie meiner Schwester und meiner Mutter noch ganz kurz zu: „Hatte ne Zeitstrafe, muss noch nen Strafkilometer laufen“. Aber ich war anscheinend so schnell, dass ohne diese Information das keinem meiner Anhänger aufgefallen wäre. Von da an war es nicht mehr weit bis zur zweiten Wechselzone. Meine Beine wurden zwar etwas müde, dennoch versuchte ich mich mit reduziertem Aufwand noch an meine Pacing-Strategie zu halten.

keine Gefangenen bei Überholmanövern

Entgegen aller Vorabinformationen wurde mir an der Abstiegslinie doch das Rad abgenommen und ich musste es nicht selbst in die Wechselzone schieben. Mein Wechselbeutel wurde mir gereicht und eine, für mich abgestellte, Helferin reichte mir aus dem Beutel was ich brauchte und räumte alles andere auch wieder ein. Sie wollte mich schon auf die Laufstrecke schicken als ich ihr entgegnete „Nein ich muss mich noch kurz auf dehnen. Ich will geschmeidig loslaufen“. Ich bedankte mich noch zigmal für ihren Einsatz und lief dann los. Es war extrem geschmeidig und ich fühlte mich tatsächlich noch relativ frisch. Bei KM 2 musst ich dann auf den, von Kampfrichtern streng bewachten, Strafkilometer abbiegen. Natürlich ging es bis zum Wendepunkt bergauf, muss ja auch ne Strafe sein, oder?! Nach der Wende rief mir noch ein Zuschauer zu „Einfach abhaken“. Gesagt getan. Es ging in Richtung Kanal und dann kamen mir auch noch ab Platz 3 zig Profimänner entgegen. Ich versuchte mich dadurch nicht zu sehr aus dem Konzept bringen zu lassen und steuerte jeden Verpflegungsstelle an. Ich hatte tatsächlich etwas Schiss zu dehydrieren, weil es doch sehr warm wurde. Ich trug deswegen auch mein Kühlstirnband. Aber es lief richtig gut. Durch das wellige und unebene Terrain lief ich kontrolliert nach Gefühl und Puls. Meine Devise war: es muss sich wie ein Spaziergang anfühlen. Beim ersten Wendepunkt pushte mich Tanja und Tom (Anm. Freunde) nochmal richtig, was mir ein breites Grinsen aufs Gesicht gezaubert hat. Wenige Kilometer später kam mir dann noch Amy entgegen, die ebenfalls ihre erste Langdistanz machte. Wir klatschten ab und motivierten uns noch – nicht zum letzten Mal für diesen Tag. Dann kam noch Jonas entgegen und es fühlte sich richtig gut an, von den wenigen Zuschauern und den bekannten Athleten angefeuert zu werden. Bei Km 15 sah ich dann zum ersten Mal wieder meine Familie, die noch gar nicht mit mir gerechnet hat. Ich lief dann zum nächsten Wendepunkt, um sie dann bei Halbmarathon wieder zu sehen und die Verpflegung für den restlichen Halbmarathon aufzunehmen. Ungefähr bei Km 20 merkte ich, dass es schwieriger wurde und sich mein Bauch irgendwie voll anfühlte. Ich dachte mir, wird schon nicht so schlimm sein, ist ja wellig, kommen sicher auch wieder schnellere und bessere Kilometer. Doch nach der Verpflegungsaufnahme bei meiner Mutter, nahm ich noch ein Isogetränk an der Verpflegungsstelle, was mir nur wenige Meter später wieder hochkam. Ich lief wieder an und musste direkt wieder würgen. So konnte ich fast 3 km kaum laufen und musste überwiegend gehen, um die Übelkeit weg zu bekommen. Ich nahm dann auch erstmal keine weitere Flüssigkeit auf und öffnete meinen Triathlonanzug, dass der Bauch nicht mehr eingeengt war. Bei Km 25 nahm ich mir dann eine Cola und ein paar Salzbretzeln. Es ging mir dadurch besser aber nach wenigen Laufmetern bekam ich stechende Bauchschmerzen – wieder Laufen und Gehen im Wechsel.  Bei Km 30 stand dann wieder meine Familie und rief mir noch zu „mach weiter, es stehen alle hinter dir“. Gemeint waren über 30 Freunde und Bekannte, die durch meine Schwester via WhatsApp Gruppe exklusiv mit Bildern und Liveinfos von der Strecke versorgt waren. Ich rief noch zurück: „Macht euch keine Gedanken. Ich komm ins Ziel. Muss nur meine Probleme in den Griff bekommen“. Dann lief ich nach einem fiesen Anstieg wieder an und natürlich musste sich nun meine Beinmuskulatur melden. Flachstücke konnte ich noch ganz gut laufen. Aber sobald es bergauf oder auf Pflaster ging, musste ich gehen. Am Ortsausgang von Roth Km 31/32 stand dann Frank Horras mit seinem Musiktruck und heizte nochmal richtig ein. Ich nahm die Motivation mit in den Anstieg nach Büchenbach. Es ging 3-4 km bergauf mit immer wieder kommenden Flachpassagen, die es mir weiter erschwerten komplett zu laufen und ich musste immer wieder gehen. Als ich in Büchenbach dann die Schleife um den Weiher hinter mir hatte und es bergab Richtung Roth ging, konnte ich nochmal den Laufschritt aufnehmen. Sobald der Rhythmus gebrochen wurde durch einen gegen Anstieg, musste ich aber wieder gehen. Ab Km 41 ging es dann aber nur noch flach in Richtung Ziel. Meine Familie feuerte mich nochmal an und ich nahm nochmal Tempo auf. Ich spürte plötzlich kaum noch Schmerz nur noch Freude. Kurz vorm Zielkanal standen dann noch meine Vereinskameraden von Freising. Ich nahm sie zwar alle wahr, hatte aber nur noch Augen für den Teppich, der mich ins Stadion führte: „und hier kommt Christopher Balz, dieser Applaus ist nur für dich“. Ich strahlte übers ganze Gesicht lief die Stadionrunde als hätte ich vorher nichts gemacht. Nach passieren der Ziellinie drehte ich mich instinktiv um und umarmte einfach den Finisher hinter mir. Wir waren beide überglücklich. Stolz nahm ich die Medaille entgegen und wurde von einer Helferin zum Finisherbuffet geführt. Dort traf ich noch Flo und Amy, die beide eine richtig geile erste Langdistanz ins Ziel gebracht haben. Wir tauschten uns noch kurz aus und dann ging es auch schon raus zu meinen Eltern. (Anm. Amy wurde 2. schnellste Amateurfrau und deutsche Meisterin ihrer Altersklasse)

Ziellinien Moment

Überglücklich und sprachlos endet nun dieser doch sehr ausführliche Bericht. Ich hoffe es hat euch gefallen und ihr könnt auch für euch etwas daraus mitnehmen.

Schon bald werde ich euch berichten, wie es weiter geht.

Bis bald,

Euer Chris

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